Ottokar Franz Ebersberg
geboren, 10. Oktober 1833 – 16. Januar 1886
Satirezeitschrift Kikeriki
Er war ein unruhiger und zugleich, unerschöpflicher Kopf von einer seltenen Produktionskraft, doch ist ihm eine feinere Bildung des Herzens wie des Geistes nicht beschieden gewesen. Ihm stand nur, was man Mutterwitz nennt, in hohem Maße zu Gebote; das Lächerliche an Menschen und Situationen fand er mit ganz diabolischem Vergnügen heraus, und die urwüchsige Keckheit und Schärfe seiner Ausdrucksweise, wie sie ihm in seinen gesunden Tagen eigen war, mussten besonders auf die breiten Massen des Volkes“ unwiderstehlich wirken. Hier gewann er sich die Popularität durch seine Doppelthätigkeit als Redakteur eines vielverbreiteten Witzblattes, wie als fruchtbarer Bühnenschriftsteller. Als mit dem Erwachen des konstitutionellen Lebens in Österreich auch der Presse freiere Bewegung gegönnt ward, begründete Berg den Kikeriki“, dessen erste Nummern augenblicklich zündeten. Seine schlagfertige, kaustische Behandlung politischer und lokaler Ereignisse, seine mit jugendlichem Elan geführten Angriffe gegen pfäffische Dunkelmänner, gegen bornierte Rückschrittler wie gegen städtischen Schlendrian machten Furore ; er teilte mit imerijörtcr Rücksichtslosigkeit Geißelhiebe nach rechts und nach links aus, dass die Getroffenen laut ausschrien. An mannichfachen Konflikten mit Behörden und Privaten konnte es ihm solcher Gestalt nicht fehlen; es gab Zeiten, wo Berg fortwährend auf dem Wege von der Redaktion zum Gerichte und zurück war; manchmal kam er auch gar nicht Mehr heim und musste etliche Wochen im Gefängnisse brummen, weil er irgend einem fanatischen Kuttenträger zu unsanft an den Leib gegangen war. Gleichen Schritt mit seiner Popularität als Redakteur hielt seine Beliebtheit als glücklicher Possenschriftsteller. Beide waren nicht voneinander zu trennen; in seinem Blatte führte er eine Menge von lustigen spektalösen Szenen auf, und aus dem Theater edirte er mit fabelhafter Schnelligkeit ein Witzblatt nach dem andern in dramatischer Form. Seine Possen spielte man an allen deutschen Bühnen, und sein Blatt wurde nicht bloß in Österreich gelesen, sondern überall, wo Deutsche wohnen, durfte der helle, frische Hahnenschrei des Kikeriki“ erschallen. Wenn wir aber seine ira. et stnckie an die Lichtseiten seines schriMellerischen Wirkens erinnern, so dürfen wir auch nicht verschweigen, dass sein Witz mit dem zunehmenden Alter des Autors einen immer galligeren Beisatz erhielt; die Theater-Erfolge wurden schwächer, je forcierter der Humor Berg’s auftrat, und er war nicht der Mann, sich still resigniert darein zu finden, dass seine Zeit vorüber, dass jüngere, elastischere Talente ihn verdrängen mussten. Wurden ihm die Bühnen untreu, so revanchierte er sich dafür in seinem Blatte durch eine Flnth von persönlichen Angriffen und Ausfällen, welche Mehr durch ihre nnaöttliche Grobheit, als durch attischen Witz glänzten. Er suchte den Grund seines Niederganges überall, nur nicht in sich selbst, und wenn jemals ein Schriftsteller die Kunst besaß, sich die besten und wohlwollendsten Freunde zu entfremden, so war es Berg, welcher zuletzt ganzallein stand und daher überall Todfeinde und Verschwörer um sich witterte. Aufbrausend und reizbar, wie er ohnedies war, ließ er sich dann durch seine Verbitterung und politische Isoliertheit in die widerwärtigsten Richtungen drängen; er, welcher immer als ein fröhlicher Spielmann aufheiternd und ermunternd mit den Reihen der Liberalen und Deutschen marschiert war, überschüttete sie jetzt mit vergifteten Pfeilen; aber die zahllosen Gegner, die er sich dadurch schuf, würden milder geurteilt haben, wenn es allgemein bekannt gewesen wäre, dass seine Haltung damals schon der Ausfluss eines pathologischen Zustandes war, welcher sich alsbald in der tragischsten Weise als unheilbarer Irrwahn offenbaren sollte. Ottokar Franz Edersberg (der als Schriftsteller das Pseudonym Berg führte) war zu ‚Wien am 10. Oktober 1833 geboren; sein Vater war der Redakteur des österreichischen Zuschauer“, I. S, Ebersberg, besten reaktionäre Richtung der älteren Generation wohl noch in Erinnerung ist. Der junge Ottokar Franz Ebersberg absolvierte das Gymnasium in Wien und trat dann bei der Lottogefälls – Direktion in den Staatsdienst , in welchem er nenn Jahre zubrachte. Die engen Verhältnisse mochten seinem stürmischen, vorwärtsdrängenden Wesen kaum zusagen, und während er trockene Ziffernreihen auf das Papier malte, beobachtete er lächelnd . das Weben und Leben des kleinen Beamtentums, welches er später mit so viel Humor auf der Bühne zu pcrsifliren wusste. Schon mit zwanzig Jahren schrieb er Stücke für die Wiener Vorstadttheater und wanderte dann für ein Jahr nach Berlin aus, als ihm die Zensurverhältnisse hier unleidlich wurden. Dies geschah im Jahre 1860, als ihm die Theaterzensur sein bereits dreimal aufgeführtes Stück Wiener und Franzose“ nachträglich wieder verbot. Im November 1861 gründete er den Kikeriki“, setzte dabei aber seine Tätigkeit für die Bühne mit Feuereifer fort. Als dramatischer Schriftsteller hat Berg schon unter Nestroy begonnen, der immer eine gute Meinung „von dem Talente“ des damals jngendmnthig aufstrebenden Neulings besaß. Seinen ersten glücklichen Wurf machte Berg mit der Posse Ein Wiener Dienstbote“, welche im Josephstädter Theater 90inal gegeben und mit einer Bearbeitung von Kalisch im Berliner Wallncr-Theater unter dem Titel Das Volk, wie es weint und lacht“ dreihundertmal aufgeführt wurde. Den nächsten großen Erfolg errang Berg mit der Posse „Einer von unsere Leut'“ im Carl-Theater (1859), von welcher ein Fragment auch in die Revue Das lachende Wien“ aufgenommen wurde, die man jetzt in der Jägerzeile mit so heiterem Erfolge auf die Scene gebracht hat. In diesem Stücke predigte Berg das Evangelium der Toleranz und der Gleichheit,^ fteilich in seiner burlesken Weife, die nach einem ernsten Moralsatze als bald irgend einen tollen Spuk folgen ließ. Seine Feschen Geister von Anno Dazumal“ wurden im Thalia-Theater fiinfzig- mal gegeben, die Posse 12 Uhr“, welche er während einer Gefängnishaft schrieb (1863), ging im . Josephstädter Theater sechsmal in ununterbrochener Folge in Scene. Seinen Zenit als dramatischer Schriftsteller erreichte Berg, als die Gall-mcyrr feinen satirischen Stücken ihre geniale Darstellungskunst lieh; in diese Glanz-Epoche seines Schaffens fallen Die leichte Person“, Die Pfarrersköchin“, Die gebildete Köchin“ u. a. m., welche teils im Theater an der Wien, teils im Carl-Theater aufgeführt wurden, je nachdem die Capricen der Gallmcyer und die Launen ihres Lieblingsautors wechselten, denn Beide besaßen eine nicht geringe Virtuosität im Conlissentampfe mit den Direktoren. Vom Beginne der,Siebzigcr-Jahrd an hat Berg wenig mehr für Nr Bühne geschrieben/ er‘ wendete sich der journalistischen Literatur tt: und lieg sich sogar einmal (1871) von der demokratischen Partei des neunten Bezirkes in den Gemeinderat wählen, wo er indeß nicht lange verblieb. Berg hat wohl Hunderte von Stücken geschrieben, denen allerdings nicht der geringste literarische Wert beizumessen ist, von welchen aber viele durch die drastische Komik volkstümlicher Situationen und durch die Schlagkraft politisch pointirter Aperyus oft eine große Wirkung ausübten. War ihm ein Stück missglückt, so entwarf er mit unglaublicher Schnelligkeit ein neues Szenarium, stellte ein paar Karikaturen aus der Wiener Sports- und Theaterwelt auf die Beine und reichte das auf dem Schnellsieder bereitete Opus ein. Während die Proben des Stückes begannen, schüttelte er die dazugehörigen Couplets ans dem Ärmel, welche immer die neuesten Local-Ereignisse, mitunter sogar die letzten Depeschen zu einem lustigen Refrain verwerteten. Diese Stücke hatten alle eine große Ähnlichkeit unter einander; der Autor forderte vom Zuschauer wie ein Taschenspieler zu Beginn der Vorstellung Ich bitte Sie, mir für kurze Zeit Ihren Kopf zu überlasten :“ Die Täuschung gelang nur, wenn man alle Logik opferte; allein dann folgte unter dem Gelachter des Publikums eine heitere Überraschung nach der andern. Zur Abwechslung gab es auch hie und da fünf Minuten tragischen Aufenthalt, weil die Heldin des Stückes, von ihrem Liebhaber schnöde verlassen, sich vergiften wollte. Gewöhnlich aber wurde das Mädchen von eine in allgegenwärtigen Müßiggänger, der eben in einem fremden Salon notwendig ein Couplet zu singen hatte, glücklich gerettet, worauf das tragische Kind den Refrain mitzusingen und zur vollsten Beruhigung der gerührten Zuschauer etwas Cancan zu tanzen pflegte. Diese mit Sentimentalitäten versetzte Gesangspostc, welche in Berlin noch sehr im Schwange ist, kommt in Wien nur noch kümmerlich ans entlegenen Bühnen fort, einst aber stand der blühende Unsinn in hohem Flor und brachte den Autoren, welche ihn geistreich zu variieren wussten, Ruhm und Gold. Weit übevlegeii im regelrechteren Bau der Stricke wie in der Charakterzeichnung waren dem Verstorbenen seine Zeitgenossen Friedrich Kaiser und Anton Langer, während Berg „oft nur ein und erlaubt schiefes und dürfligcS Gerüste improvisirte, um hier sein Brillant-Feuerwerk von Witzen abzubrennen. Dabei vergaß er tue, den Massen zu schmeicheln und jeden im Dialekt redenden Vorstädtler als einen Ausbund von Güte und Edelmut dar zustellen, während der Hochdeutsch sprechende Elegant m der Regel als galgenreifster Lump figurirtc. Es lag Tendenz, und keine sympathische, in diesen demagogisch angehauchten Szenen. Man musste sich ärgern und lachen zugleich über die Zumnkhüngcn, welche Berg in seinen Stücken, die er Wiener Lebensbilder“ nannte, an die gesunde Vernunft stellte; allein sein großes Talent, das lachende Wien zu ergötzen, besiegte selbst die schwierigsten Gegner. Seine Dramen waren oft riiir schlechte Textbücher, zu welchen sein Witz die Musik machte, und diese konnte dir gefährlichsten Libretti retten. Als dieser Spiritus nach und nach verflog, blieb ein erfindungsarmer, ..nervöser Schriftsteller/zurück, )rr, hastig nach den früherm Lorbeer:: jagend, jede Haltung verlor und sich mit erschreckender Raschheit zu Tode schrieb. * *
Die ersten deutlichen Anzeichen, daß der geistige Zustand Berg’s gestört sei, traten schon im Herbste des Jahres 1884 auf. Seine Familie, welche während dieser qualvollen Zeit mit rühren der Aufopferung und Zärtlichkeit die schwere Lage ertrug, konnte sich lange nicht entschließen, den Kranken einer Heilanstalt zu übergeben, bis die Ärzte im Februar vorigen Jahres ein Machtwort sprachen. Es ist merkwürdig, daß Berg, welcher noch wenige Tage, bevor er in die Irrenanstalt gebracht wurde, sehr eifrig für kein Witzblatt «arbeitet und Beiträge in Prora und in gebundener i Sprache geliefert hatte, von dem Momente, an, da er die Heilanstalt betrat, nicht einmal das Wort Kikeriki“ über seine Lippen brachte. Der Kikeriki“ wird übrigens jetzt von dem langjährigen verantwortlichen Redakteur des Blattes, Herrn Theodor Herdliczka, weitergeführt werden. Dieser hatte schon lange, bevor der Irrsinn Berg’s offenkundig zum Ausbruch kam, den Charakter der Krankheit erkannt und gab sich alle ordentliche Mühe, Extravaganzen, zu denen Berg ohnedies immer leicht geneigt“ war, im,,Blatte hintanzuhalten. Herr Herdliczka war fortwährend gezwungen, das Blatt bis zum letzten Moment des Erscheinens zu überwachen, damit Berg nicht irgend einen Aufsatz veröffentliche, welcher den traurigen Zustand des Autors klar „verraten hätte. So kam es oft, bog Beiträge Berg’S für das Blatt in der letzten Minute konfisziert werden mußten. Da Berg jedoch stets in große Aufregung geriet, wenn er einen seiner Aufsätze nicht im Kikeriki“ mnd, so verfielen seine Angehörigen in den letzten Wochen seiner Freiheit auf den Ausweg, besondere Nummern des Kikeriki“ für den Kranken drucken zu „lassen. Die Abgabe Berg’s an die Privatheilanstalt des Professors Leidesdorf m Döbling erfolgte unter dem Vorwände, daß man im Irrenhause eine dramatische Kleinigkeit aufführen wolle, welche O. F. Berg verfassen sollte. In der Irrenanstalt zeigte sich der Kranke anfangs sehr erzürnt, ergab sich aber bald in sein Schicksal und fühlte sich nach einiger Zeit zufrieden in seiner neuen Umgebung. Sein körperliches Befinden war im Anfang ein zufriedenstellendes, in geistiger Beziehung jedoch machte sich ein immer traurigerer Verfall bemerkbar. Sein Gedächtnis war bald ganz verschwunden. Als einzige Erinnerung schien ihm der Gedanke an seinen Reichtum geblieben zu sein. Er glaubte stets, im Besitze unermeßlicher Geldmittel zu sein, und entwarf seinen: Wärter gegenüber Pläne, die Irrenanstalt, welche er zuletzt für ein großartiges Schloß mit weitläufigem Park hielt, anzukaufen und nach eigenen Ideen umzubauen. Wenn man ihn nach. seiner Beschäftigung fragte, so antwortete er, indem er mit einem Bleistift unverständliche Zeichen auf ein Papier warf, er sei sehr fleißig und schreibe ein ganz neues Stück mit dem Titel „Die Vorlesung bei der Hausmeisterin“, in welchem eine brillante Rolle ftir Matras enthalten sei. Als ihm ein bekannter Künstler vor nicht langer Zeit eine Torte, die Berg ehedem gerne auf dem Tische sah, in die Anstalt brachte, freute sich der Kranke sehr über diese Aufmerksamkeit des Künstlers, den er auch erkannte. . Berg nahm mit den Worten: Diese Torte esse ich sehr gerne,“ den farbigen Umschlag von der Bäckerei, verzehrte. rasch das Papier und ließ die Torte unberührt stehen. In den letzten Wochen konnte der Kranke nur noch Bouillon und andere Flüssigkeiten zu sich nehmen, alles Übrige wies sein Magen zurück, so daß eine rapide Erschöpfung der Kräfte eintrat, welche die endliche Katastrophe beschleunigte.
Der Tod O. F. Berg’s erfolgte heute Morgens um 5. Uhr.
Der Kranke hatte noch kur; vorher mit den „an seinem Lager weilenden Personen, allerdings unzusammenhängend, gesprochen. An seinem Sterbebette weilten seine Gattin und die behandelnden Ärzte Professor Leidesdorf und Dr. Krneg. Die Leiche wird heute Nachts aus der Leidesdorf’schen Anstalt nach dem Hanse des Verblichenen, Piaristcngasse 7, gebracht werden. Das Leichenbegängniß findet Montag ‚Nachmittags nach erfolgter Einsegnung in der evangelischen Kirche statt.
Das hinterlassene Vermögen Berg’s besteht nach einer Aufnahme, die seinerzeit nach der Kuratel-Verhängung vorgenommen wurde, zumeist in Realitäten, und zwar sind dies „zwei Häuser in der Piaristengasse und Unter den Tuchlanden, der Annenhof in Brunn und eine Villa in Baden. Außerdem hinterlässt Berg ein Barvermögen in Papieren in der Höhe von 25,000 fl. Bezüglich der testamentarischen Bestimmungen verlautet aus den Kreisen der Familie, daß die drei Kinder des Verstorbenen Universal-Erben sind, während verschiedene Eigentumsrechte der Witwe schon während Lebzeiten Berg’S sichergestellt wurden.